Konzept der Mitmännlichkeit(pdf)
entwickelt durch die Erfahrungen mit den Männern, die bei uns gewohnt haben

 

Die Haltung und die Arbeit der Männer-Wohn-Hilfe e.V. ist durch das humanistische Menschenbild und das systemische Denken und Handeln geprägt.

Krisenhafte Entwicklungen sind unserem Verständnis einer dynamischen Gesellschaft immanent, gehören selbstverständlich zu persönlichen Entwicklungen und lebendigen Partnerschaften. Männer, die solche Situationen als nicht mehr aushaltbar erleben oder Männer, deren Partner* es nicht mehr mit ihnen aushalten wollen, können mit Unterstützung der Männer-Wohn-Hilfe den aktuell als unpassend erlebten Rahmen verlassen.

Sie betreten in der Männer-Wohn-Hilfe einen Raum, in dem andere Männer mit ihnen in eine Beziehung treten, die sowohl annehmend als konfrontierend gestaltet ist. Annehmend als Mensch ohne vorherige Leistungsanforderung und konfrontierend im Sinne der Einhaltung getroffener Absprachen und Vereinbarung bezüglich der Wohnung, des Aufnahmegesprächs und der weiteren Abmachungen.

Den stark vereinfachten „gesellschaftlichen“ Rollenerwartungen an Männer (s.u.) stellen wir in der persönlichen Beratung der Bewohner Sichtweisen des systemischen Beratungsansatzes gegenüber. Dort wird „dysfunktionales Verhalten“ als ist ein Lösungsversuch verstanden. Alle Menschen versuchen ihrem Leben einen Sinn zu geben und sich entsprechend zu verhalten. Diesen Ansatz haben wir konsequent auf die Verhaltensweisen von Männern angewendet, deren Verhalten häufig als „unangemessen“ kategorisiert wird.

 

Die Arbeitsweise von Mitmännlichkeit mit den gesellschaftlichen Zuschreibungen von Männern

 

„Männer sind Täter, keine Opfer.“

Das Gebot nicht verlieren zu dürfen, ist ebenso absurd, wie es fest in der allgemeinen Wahrnehmung von Männern verankert ist. Männer sind demnach eben keine Opfer, sondern ggf. Verlierer oder Schwächlinge. So werden sie weiter gedemütigt.

Diesen Aspekt versuchen wir von uns aus nicht anzusprechen. (Außer wir würden einen Täter erleben, der die Verantwortung für sein gewalttätiges Handeln nicht übernimmt) Ansonsten achten wir die eigene Sichtweise der Männer, die bei uns Hilfe suchen, auf sich selbst.

Die implizierte Gegensätzlichkeit von Täter und Opfer ist aus unserer Sicht eine unzulässige Vereinfachung. Täter und Opfer in sozialen Beziehungen haben oft eine lange Geschichte gegenseitiger Beeinflussung.

Für uns ist wichtig, wie ein Mann zukünftig seine Verantwortung gestalten will.

Sich als Opfer zu sehen, kann unter Umständen ein erster Schritt in die Wahrnehmung von Verletzbarkeit und Integration solcher Erfahrungen sein. Wer sich nicht als Opfer definiert, wird deshalb nicht als solches behandelt.

Aufgrund dessen haben wir entschieden, das „Opfer-Sein“ nicht als Aufnahmebedingung zu nehmen.

Die autonome Entscheidung: „Ich halte es nicht mehr aus!“ reicht für die Aufnahme bei der Männer-Wohn-Hilfe e.V. aus. Prävention von Gewalt wird so leichter möglich.

 

„Männer sind aggressiv.“

Durch unseren Nutzungsvertrag entsteht ein Raum der Klarheit der Erwartungen. In diesem kann dann eine Beziehung „auf Augenhöhe“ entstehen. Wir forcieren diese durch die wöchentlichen Besuche.

Im systemischen Sinne arbeiten wir gemeinsam an dem „Dritten“: der Überwindung der aktuellen Belastung und dem Auszug in eine veränderte Lebenssituation.

Aggressivem oder gewalttätigem Verhalten zum vermeintlichen Schutz der Autonomie oder zur Ablenkung von anderen, als Bedrohung erlebten Fakten, wird durch die Arbeit am gemeinsamen Ziel offensichtlich gut vorgebeugt.

 

„Männer haben keine Gefühle.“

Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Männer keine Gefühle haben. Das Patriarchat hat vom „traditionellen“ Mann gefordert, diese zu unterdrücken.

Menschen zeigen am ehesten dort Gefühle, wo sie sich sicher fühlen. Wo sie wahrnehmen, dass sie gesehen werden, wo sie vermuten, dass ihr Gegenüber sie versteht und mit ihren Gefühlen umgehen kann.

Entsprechend bieten wir mit den Männern eine Situation, in der sie sich möglichst autonom und sicher verhalten können.

Deshalb sind bei uns nur Männer in der Begleitung tätig, um die Entstehung der Idee „hier könnte ich verstanden werden“ zu erleichtern. Es gibt keine „Zwangsberatung“ sondern einen eindeutigen Vertrag zur Nutzung der Wohnung. Beratung geschieht auf Wunsch der Männer.

 

„Männer sprechen nicht über Versagen, Verlust oder Ängste.“

Das Vertrauen für ein Gespräch über einer solche Themen wird leichter, wenn das Gegenüber als Mann deutlich zu erkennen geben kann, dass solche Erfahrungen alltäglich sind.

Die Hierarchielosigkeit des systemischen Ansatzes schafft es, Kompetenz und Macht zu entkoppeln, was für einen autonomen Lösungsprozess notwendig ist. Eigene Lösungen zu finden ist hoch attraktiv.

Gab es Lebensbereiche vor der „Krise“, wo Ausdruck von Schwäche und Verletzbarkeit positiv bewertet wurden?

 

„Männer haben keine Probleme, sie lösen sie.“

Diesen zentralen Aspekt traditioneller Männlichkeit halten wir für einen guten Schutz. Der Glaube an die Selbstwirksamkeit ist eine gute Ausgangsbasis für die Bewältigung von Problemen. In diesem Sinne versuchen wir mit den Männern möglichst konkrete Handlungsalternativen zu entwickeln.

Die Bereitstellung der Wohnung für sie ist in diesem Sinne eine erste Möglichkeit dafür. Durch diese Haltung wird paradoxerweise ein Raum geschaffen, der Reflexionen über den Zwang zum Erfolg ermöglicht.

So haben die Männer Zeit und Raum sich selbst zu organisieren.

 

„Männer sorgen nicht für sich selbst.“

Die meisten Bewohner haben zumindest gelernt zu überleben. Weiterungen in Richtung für ein gutes, genussvolles, gesundes oder sonst ein Leben sind in der Wohnung möglich.

Dadurch, dass wir nur Männer aus Oldenburg aufnehmen, werden die sozialen Bindungen geschützt und die Männer haben die Gelegenheit im Laufe des Aufenthalts zu entscheiden, welche Beziehungen sie in welcher Weise fortführen wollen.

 

„Männer sehen keinen Dreck und keine Unordnung.

Die meisten Männer konnten ihre Fähigkeiten diesbezüglich unter Beweis stellen oder sie verbessern. Ziel war hier nicht „Funktionieren“, sondern die eine positive Sorge für sich selbst.  Durch die hohe Eigenverantwortlichkeit können die Männer in der Wohnung erleben, was ihnen guttut. In einem gewissen Maß achten wir auf die Einhaltung von Mindeststandards. Dies besonders vor diesem Hintergrund, dem Respekt vor den individuellen Kompetenzen und als Idee der Weiterentwicklung.

 

„Ein Mann ist ein Mann, wenn er sich so verhält.“

Mitmännlichkeit als grundsätzliche Annahme der Person, setzt einen grundlegenden Mechanismus traditioneller Männlichkeit außer Kraft: Die Männer müssen ihre Daseinsberechtigung nicht verdienen. Für sie oft überraschend erleben sie bei uns, dass ihre Würde geachtet, sie in ihrer Verletzbarkeit geschützt werden.

Von dieser sicheren Basis aus, können die Männer, die zu uns kommen, sich ihren eigenen Fragen stellen. Ein sicherer Rahmen, in dem dann auch Unsicheres, Weiches möglich werden kann.

 

„Männer gehen rücksichtslos mit sich um.“

Durch unser Angebot bieten wir eine Öffentlichkeit, die es den vermeintlichen Ausnahmen ermöglicht wahrgenommen zu werden. Männer können sich „freiwillig“ melden. Männer können auf sich und andere achten, einen verantwortungsvollen Weg gehen.

In dem Raum für eigene Anliegen wird es für sie leichter möglich, bisherige Erfahrungen zu integrieren.

Es könnte eine Frage an die Gesellschaft sein, wo sie es ermöglicht, dass Männer mit ihren normalen Problemen oder sogar mit guten Lösungsansätzen positiv wahrgenommen werden können.

Die bisherige Aufmerksamkeit galt oft den rücksichtslosen Vorbildern mit ihren „soldatischen“ Qualitäten. So verstehen wir unser Angebot ein Baustein für die Abschaffung des Patriarchats.


Wolfgang Rosenthal
systhemischer Berater, Coach und Supervisor